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Industrie

Automatisierung im Billiglohnland

von Virginia Mercado

Hintergrund

In der Automobil­industrie kommen viele Roboter zum Einsatz. VW-Werk im mexikanischen Puebla.

In der Automobil­industrie kommen viele Roboter zum Einsatz. VW-Werk im mexikanischen Puebla.

Industrieroboter sind in Mexiko auf dem Vormarsch. Die Wirtschaft des Landes hat insgesamt ein hohes Automatisierungspotenzial. Ob Roboter die traditionell billigen Arbeitskräfte langfristig wirklich verdrängen werden, ist jedoch noch unklar.

Mexiko ist traditionell ein Land mit billigen Arbeitskräften. Lange hat der südliche Nachbar der USA ausländische Investoren vor allem mit niedrigen Produktionskosten ins Land gelockt, die in erster Linie niedrigen Lohnkosten geschuldet waren. Innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat Mexiko den niedrigsten Durchschnittslohn. Der allgemeine Mindestlohn liegt bei 88,36 Pesos pro Tag, was beim derzeitigen Umrechnungskurs nur rund 4,6 Dollar entspricht. In einzelnen Branchen wird allerdings deutlich mehr bezahlt. Die Einkommensungleichheit ist eklatant, und ein Großteil der Arbeit ist informell.

In der Automobilindustrie, einer der wichtigsten Branchen des Landes, verdienen Arbeiter nach Angaben des Center for Automotive Research, einem nicht gewinnorientierten Thinktank im US-Staat Michigan, im Durchschnitt etwas mehr als sieben Dollar pro Stunde. Das angesehene Colegio de México schätzt das Durchschnittseinkommen in der Autoindustrie dagegen nur auf etwas mehr als drei Dollar. Medienberichten zufolge verdienen manche Arbeiter sogar nur zwei Dollar pro Stunde.

In den USA sind hingegen 20 bis 30 Dollar normal. Dieser Unterschied war ein Thema der Verhandlungen zum neuen amerikanisch-mexikanischen Handelsabkommen, das das alte Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) ersetzen soll. Damit Autos künftig zollfrei in den USA verkauft werden dürfen, sollen demnach 40 bis 45 Prozent der Komponenten von Arbeitern produziert werden, die mindestens 16 Dollar pro Stunde verdienen. Autohersteller, die dem nicht nachkommen, müssen 2,5 Prozent Zoll zahlen. Ob ihnen dieser relativ niedrige Satz viel ausmacht, ist nicht klar – und ob es überhaupt so kommt, war zu Redaktionsschluss noch offen, denn Kanada hat dem neuen Abkommen noch nicht zugestimmt. Rechtskräftig ist die vorläufige Vereinbarung noch nicht.

Die neue Regel kehrt den bisherigen Wettbewerbsvorteil billiger Löhne um und stellt einen Anreiz für Autobauer dar, in Ländern mit höheren Durchschnittslöhnen zu produzieren. Sie könnte es aber auch attraktiv machen, die Produktion in Mexiko stärker zu automatisieren. Zudem besteht die Aussicht, dass die Löhne in der Branche steigen.


Wichtiges Importland

Industrieroboter sind bereits auf dem Vormarsch. Nach Angaben des internationalen Verbands der Robotik-Industrie (International Federation of Robotics – IFR) gehört Mexiko zu den wichtigsten Schwellenländern, was den Import betrifft. Demnach führte das Land im Jahr 2016 mehr als 5 900 Industrieroboter ein, 2020 werden es den Prognosen zufolge schon 9 000 Einheiten sein. In der Autoindustrie kommen besonders viele Roboter zum Einsatz. Weitere Branchen, in denen Automatisierung eine Rolle spielt, sind die Lebensmittel-, Tierfutter-, Elektro- und medizintechnische Industrie.

In der Autoindustrie haben Roboter bislang vor allem die körperlich schwersten Arbeiten wie Hebevorgänge übernommen, während nach wie vor viele menschliche Hände für kompliziertere Aufgaben gebraucht werden. In der Lebensmittel- und Getränkeindustrie werden Roboter außer für Hebevorgänge auch in der Verpackung und Palettierung eingesetzt. Auch im Finanzdienstleistungsbereich machen Computer-Anwendungen menschliche Arbeit überflüssig. Die Bank BBVA kündigte vor kurzem an, im Zuge eines Digitalisierungsprojekts 1 500 Menschen vor die Tür zu setzen.

Automatisierung gewinnt auch in kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) an Bedeutung. Beispielsweise übernehmen Roboter zunehmend Fließbandarbeiten. Es gibt allerdings noch Widerstand gegen diesen Wandel, und da die meisten Jobs in KMU angesiedelt sind, ist noch nicht abzusehen, ob und in welchem Ausmaß die Zahl der Arbeitsplätze durch Automatisierung verändert wird. Laut der Unternehmensberatung McKinsey liegt Mexikos Automatisierungspotenzial bei insgesamt 52 Prozent der Arbeitsplätze. Die verarbeitende Industrie ist prozentual am stärksten betroffen: Dort könnten 64 Prozent der Jobs wegfallen, das sind 4,9 Millionen Arbeitsplätze. In absoluten Zahlen liegt der Einzelhandel an erster Stelle; 5,5 Millionen Jobs oder 51 Prozent sind bedroht. Digitalkassen ermöglichen automatisierte Lagerhaltung und optimierte Lieferketten, wovon vor allem große Supermarktketten profitieren – was aber für Verbraucher und Volkswirtschaft auch vorteilhaft sein kann. Tilman Altenburg vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik empfiehlt, solche Prozesse politisch zu steuern (siehe E+Z/D+C e-Paper 2017/10, S. 38).

Im primären Wirtschaftssektor, zu dem Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei und Jagd gehören, könnten 59 Prozent oder 4,7 Millionen Arbeitsplätze ersetzt werden. Repetitive physische Arbeiten sind dem Bericht zufolge am ehesten geeignet, von Maschinen übernommen zu werden, gefolgt von der Erhebung und Verarbeitung von Daten.

Die tatsächliche Automatisierung hängt laut McKinsey von fünf Faktoren ab. Das sind:

  1. technische Machbarkeit,
  2. Kosten der Automatisierung,
  3. Verfügbarkeit, Fähigkeiten und Kosten von Arbeitskräften, die die entsprechenden Arbeiten ansonsten ausführen würden,
  4. weitere Vorteile der Automatisierung (über die Lohnkostenersparnis hinaus), etwa höhere Präzision, und
  5. regulatorische Bedingungen als Ausdruck der gesellschaftlichen Akzeptanz.

Kostenfragen spielen für unternehmerische Entscheidungen eine große Rolle. Es ist aber beispielsweise nicht klar, ob es auf lange Sicht teurer oder billiger ist, die billigen Arbeitskräfte, die charakteristisch für Mexikos Wirtschaft sind, durch Roboter zu ersetzen. Dieses Dilemma könnte das größte Hindernis für den Einsatz neuer Technologien in der Wirtschaft des Landes darstellen.

Auch die Qualifizierung von Arbeitskräften stellt eine Herausforderung dar. Die Transformation der Produktion erfordert andere Ausbildungsprofile und höhere Spezialisierung (siehe Kasten). Laut McKinsey liegen die wichtigsten Kompetenzen, die die zunehmende Automatisierung und die Einführung künstlicher Intelligenz erfordert, im technischen, sozialen und emotionalen Bereich, während körperliche beziehungsweise manuelle Fertigkeiten langsam, aber sicher an Bedeutung verlieren werden. Darauf müssen sich sowohl das Bildungswesen als auch die Arbeitskräfte erst noch einstellen.


Virginia Mercado ist Wissenschaftlerin an der Universidad Autónoma del Estado de México (UNAM) und Lehrkraft für Friedens- und Entwicklungsstudien.
[email protected]


Quelle

Chui, M., Manyika, J., and Miremadi, M., 2016: Where machines could replace humans – and where they can’t (yet). McKinsey Quarterly, July 2016.
https://www.mckinsey.com/business-functions/digital-mckinsey/our-insights/where-machines-could-replace-humans-and-where-they-cant-yet

https://public.tableau.com/profile/mckinsey.analytics#!/vizhome/InternationalAutomation/WhereMachinesCanReplaceHumans
 

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