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Dschihadistinnen

Warum Frauen in den „Heiligen Krieg“ ziehen

von Dagmar Wolf

In Kürze

Westliche Länder tun sich schwer mit ISIS-Rückkehrern: Die britische Dschihadistin Shamima Begum mit ihrem im Februar in einem syrischen Flüchtlingslager an Lungenentzündung verstorbenen Baby.

Westliche Länder tun sich schwer mit ISIS-Rückkehrern: Die britische Dschihadistin Shamima Begum mit ihrem im Februar in einem syrischen Flüchtlingslager an Lungenentzündung verstorbenen Baby.

Weltweit nimmt die Anzahl der Frauen, die in den „Heiligen Krieg“, den Dschihad, ziehen, zu. Was bewegt sie dazu? Und welche Rolle spielen sie in dschihadistischen Organi­sationen? Diesen Fragen gehen zwei jordanische Islamismusexperten in einer kürzlich er­schienenen Studie auf den Grund.

Frauen geben ihre Freiheit auf, um sich freiwillig vollzuverschleiern und strengen patriarchalischen Strukturen zu unterwerfen – für die westliche Denkweise ist dies nur schwer zu verstehen. Doch gerade unter dem besonders strikten Regime von ISIS stieg die Zahl der Rekrutinnen in den vergangenen Jahren stark an. Bisher gab es dazu nur wenig Literatur. Mit ihrem Buch „Dschihadistinnen – Faszination Märtyrertod“ stoßen die Autoren Hassan Abu Hanieh und Mohammad Abu Rumman in eine Lücke.

Die aktive Rolle der Frau in den islamistischen Bewegungen ist tatsächlich ein neues Phänomen. Bis Anfang dieses Jahrhunderts war ihre Rolle auf die der Gebärerin, Erzieherin und Unterstützerin der Kämpfer beschränkt. Erst mit dem Erstarken von ISIS änderte sich das.

Im Vergleich zu al-Qaida und anderen dschihadistischen Organisationen verfügt ISIS über bessere Propaganda- und Rekrutierungsmöglichkeiten, ist in sozialen Medien wesentlich präsenter und bietet Kommunikation in mehr Sprachen an. Mit der Einnahme der Städte Raqqa in Syrien und Mossul im Irak sowie der Ausrufung des Kalifats im Jahr 2014 kam es laut der Autoren regelrecht zu einem Frauen-Boom. Hunderte Frauen aus allen Teilen der Welt schlossen sich der Terrormiliz an.

Zwar haben sie nach wie vor kaum Führungspositionen inne, aber sie spielen eine wesentlich aktivere Rolle und nehmen administrative und logistische Aufgaben wahr. Nicht zu unterschätzen seien ihre Aufgaben in der Kommunikation von ISIS, betonen Hanieh und Rumman. Denn dies gebe ihnen die Möglichkeit, auf das Handeln und die Entwicklung der Gruppe Einfluss zu nehmen.

Hanieh und Rumman machen aber deutlich, dass die weiblichen Dschihadistinnen keinesfalls feministischer oder säkularer als ihre männlichen Mitkämpfer seien. Sie seien genauso strenggläubig und unterwürfen sich archaischen und patriarchalen Dogmen.

Der zweite Teil des Buches besteht aus Fallbeispielen von etwa 50 Frauen aus Nordafrika, dem Nahen Osten, Saudi-Arabien, Europa und den USA. Aufgrund der schwierigen Quellenlage basiert die Studie hauptsächlich auf schriftlichen und mündlichen Zeugnissen der jeweiligen Frauen oder ihres Umfelds, aber auch auf Dokumenten und Gerichtsurteilen. Die Studie ist nicht repräsentativ. Dennoch gelingt es den Autoren, ein Bild der verschiedenen Motivationen der Frauen zu zeichnen – und dadurch auch wichtige Hinweise für die Präventionsarbeit zu liefern.

Mit der klischeehaften Vorstellung von Dschihad-Bräuten, religiöser Gehirnwäsche ungebildeter und verzweifelter oder naiver Frauen können die Autoren schnell aufräumen. Es sind nicht die ungebildeten, mittellosen Frauen, die in den Dschihad ziehen. Im Gegenteil, wie die Fallbeispiele zeigen, sind es in erster Linie akademisch gebildete, oft wohlsituierte Frauen. In den überwiegenden Fällen gab es einen Wendepunkt im Leben der Frauen, der sie dazu veranlasste, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Wichtige Faktoren sind:

  • die sich wandelnde weltpolitische Lage (z. B. der Einmarsch im Irak und in ­Afghanistan oder der Syrienkonflikt) und die damit oftmals verbundene Demütigung, die muslimische Gesellschaften erfahren,
  • der Umgang mit Brüdern, Vätern und Ehemännern in Gefangenschaft,
  • der Verlust von Familienangehörigen.

In Konfliktgebieten lasten Krieg und Elend, aber auch Rachegefühle und das Gefühl, Unrecht zu erleiden, schwer auf den Frauen. Und im Westen stellt sich für Musliminnen die Frage nach der Selbstdefinition und den persönlichen kulturellen Werten. Eine große Rolle bei der Radikalisierung spielten sowohl die virtuelle Welt als auch soziale Beziehungen und gegenseitige Beeinflussung. Nach Schlussfolgerung der Autoren sind es also politische und persönliche Gründe, die Frauen in die Arme von ISIS treiben. Die Dschihadisten locken mit einem angeblich „alternativen politischen Projekt“ sowohl zur westlichen Moderne als auch zu den arabischen Regimen, erklären Hanieh und Rumman.

Zwar hat ISIS laut Medienberichten weltweit an Stärke und Einfluss verloren, doch die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Denn die Ideologie lebt in den Köpfen der Frauen und Männer weiter. Sie kann nur durch das Angehen der Probleme, die zu dieser Denkweise geführt haben, wirkungsvoll bekämpft werden.


Buch
Hassan Abu Hanieh, Mohammad Abu Rumman, 2018: Dschihadistinnen. Faszination Märtyrertod. Bonn, Dietz.

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