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Bio-Landwirtschaft

Im Einklang mit der Natur

von Anitha Reddy, Sabine Balk

Hintergrund

Anitha Reddy von der NGO Sahaja Samrudha zeigt die Samenbank.

Anitha Reddy von der NGO Sahaja Samrudha zeigt die Samenbank.

Die industrielle Landwirtschaft dezimiert weltweit die biologische Vielfalt. Dies führt zu mehr Umweltzerstörung und marginalisiert Kleinbauern, die sich kein teures Saatgut leisten können. Eine Alternative bietet biologische Landwirtschaft mit traditionellen Landsorten. Wie Sahaja Samrudha, ein nichtstaatlicher Bauernverband im südindischen Bundesstaat Karnataka, dies fördert, erklärt Anitha Reddy, die Sprecherin der Organisation, im Interview.

Warum hat Ihre Organisation eine gemeinschaftliche Samenbank gegründet?
Samenbanken ähneln normalen Banken oder Bibliotheken. Man leiht etwas aus und gibt es wieder zurück. Bei uns leihen sich Landwirte Saatgut und geben nach einer guten Ernte das Doppelte zurück. Wir hier im südindischen Bundesstaat Karnataka haben eine gemeinschaftliche Samenbank gegründet, weil es kein traditionelles Saatgut mehr gibt. Die Landwirte nutzen nur Hybridsamen. Unser Ziel ist es jedoch, die biologische Vielfalt zu erhalten. Hybridsaatgut muss stark bewässert werden und braucht chemische Dünger und Pestizide. Der Anbau ist für viele Kleinbauern unerschwinglich. In unserer Region sind die Anbauflächen mit einer Größe von 0,5 bis 5 Hektar eher klein. Wasser ist Mangelware. Um die kleinen Farmen bestmöglich zu nutzen, wollen wir die Vielfalt der Landrassen wiederbeleben.

Und was bringt das den Bauern?
Es gibt mehrere Vorteile:

  • Die Bauern sind nicht mehr so abhängig von den Saatgutherstellern. Sie müssen nicht jedes Jahr neues Saatgut kaufen, sondern können einen Teil ihrer eigenen Ernte zur Aussaat verwenden.
  • Durch gemeinschaftliche Samenbanken können Klein- und Kleinstbauern Saatgut sparen, tauschen und verkaufen. Sie arbeiten zusammen und unterstützen sich in Notfällen.
  • Sie haben einen sicheren Zugang zu den Ressourcen, die sie brauchen.
  • Ihr traditionelles Wissen wird dokumentiert. Die traditionellen Praktiken werden schrittweise modernisiert; die Ergebnisse können nach und nach genau evaluiert werden.
  • Die landwirtschaftliche Biovielfalt wird gefördert und geschützt. Und nicht zuletzt sind gemeinschaftliche Samenbanken (community seed banks – CSB) wichtig, um die Rechte der Bauern umzusetzen.

Was macht traditionelle Kulturen so wertvoll? Hybridsorten sind ertragreicher.
Bei der grünen Revolution ging es ausschließlich um höhere Erträge. Man verließ sich dabei auf eine schmale genetische Basis, auf synthetische Zusätze und viel Wasser. Umweltfreundlich ist das nicht. Traditionelle Kulturen hingegen sind an die spezifischen örtlichen Gegebenheiten angepasst. Sie können sehr ertragreich sein und sind resistent gegen Schädlinge und Dürre. Sie passen sich den Böden und dem Klima an. Früher wussten die Bauern genau, wann welches Saatgut zu verwenden ist. Was sie brauchten, gab es weitgehend vor Ort. Früher gab es in Indien viele verschiedene Reissorten, die sich entsprechend ihrer örtlichen Bedingungen entwickelten. Einige Sorten gedeihen gut in Trockengebieten, andere in Küstengebieten oder im tiefem Wasser. Diese Vielfalt wurde durch die weit verbreitete Monokultur gefährlich eingeschränkt.

Was ist die Gefahr dabei?
Das größte Risiko ist es, dass die High-Tech-Hybride eines Tages versagen können. Sie sind sehr homogen und daher sehr anfällig. Wenn auf allen Feldern das Gleiche wächst, reicht eine einzige Krise, um alles zu zerstören. Eine Vielfalt der Landrassen würde die Farmen resistenter machen. Außerdem braucht die Saatgutindustrie die genetischen Ressourcen der traditionellen Sorten, um Hybride zu züchten. Diese genetischen Ressourcen schwinden jedoch, weil traditionelle Sorten kaum angebaut werden. Auch auf Genbanken kann sich die Industrie nicht verlassen. Forschungen zufolge verändert sich die natürliche Umgebung ständig. Landrassen entwickeln sich weiter und passen sich daran an. Daher taugen Samen, die über Jahre in einer Genbank lagerten, möglicherweise selbst dort, wo sie herkommen, nicht mehr. Traditionelle Sorten müssen angebaut werden, um zu überleben. Wenn wir auf Hybride angewiesen sind, brauchen wir immer mehr Pestizide und Wasser – was wir uns nicht leisten können, weil es der Umwelt schadet. Und ehrlich gesagt: Viele Kleinbauern können sich das auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten.

Sie brauchen also eine Alternative.
Richtig. Und zwar eine, die wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig ist. Melaku Worede, ein hervorragender Wissenschaftler und Gründer der äthiopischen Genbank, sagt: „Das traditionelle System ist ausgetüftelt und verfügt über profundes Wissen. Getreidevielfalt zu erhalten, indem man auf den Farmen Landrassen anbaut, ist daher sehr wertvoll.“ Genau das tun wir.

Wie können traditionelles Saatgut und Biolandbau Kleinbauern helfen, mit der sich ändernden Umwelt zurechtzukommen?
Unserer Erfahrung nach geht dieser Ansatz die wichtigsten Probleme ländlicher Gemeinden an: nämlich ihre sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte. Es ist das Recht der Bauern, ihr eigenes Saatgut für künftige Aussaaten zu nutzen. Das befreit sie von äußeren Zwängen. Unsere traditionelle Landwirtschaft besteht seit Jahrtausenden. Traditionelle Kulturen wurden seit Generationen sorgfältig gezüchtet, um sich den Gegebenheiten anzupassen. Sie halten den klimatischen Kapriolen stand und bieten Klein- und Kleinstbauern, einschließlich der traditionellen Gemeinschaften, Ernährungssicherheit.

Welche Methoden des Bioanbaus halten Sie für besonders wichtig?
Fruchtfolge beispielsweise. Es ist wichtig, nicht Jahr für Jahr das Gleiche auf einem Feld anzubauen. Es hat mehrere Gründe, warum man verschiedene Pflanzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten anbaut: Der Boden bleibt fruchtbar, Schädlinge und Krankheiten werden minimiert und Nährstoffe zugeführt. Die Ernteerträge werden dadurch gesteigert. Auch Mischkulturen sind nützlich: Landwirte säen mehrere Pflanzen gleichzeitig. So können sie die Flächen voll nutzen und die wirtschaftlichen Risiken eines Ernteausfalls gering halten, gemäß dem Sprichwort „Leg nicht alle Eier in einen Korb“. Zudem fördert Mischanbau die Artenvielfalt, weil dadurch diverse Nutz- und Raubinsekten angelockt werden, die wiederum den Schädlingsbefall minimieren. Was auf einem Hof geschieht, hat Einfluss auf dessen Umgebung – Farmen mit einer gewissen Diversität sorgen also für eine allgemein größere Vielfalt.

Welches Saatgut gibt es in Ihrer Saatbank?
Wir lagern mehr als 800 Reis-, 120 Hirse-, 32 Weizen-, 56 Auberginen- und 52 Sorten von Hülsenfrüchten. Zudem haben wir auch viele weitere Gemüse- und Obstsorten aus 20 Bezirken von Karnataka sowie 23 verschiedene indische Baumwollsorten im Sortiment. Sahaja Samrudha arbeitet mit mehr als 6300 Bauern zusammen, die Saatgut züchten und schützen. Die Samenbank hat 32 lokale Tochtergesellschaften, die die örtliche Versorgung unterstützen. Zudem führen wir kooperative Studien mit universitären Forschungseinrichtungen durch. Die Bauern sehen dadurch, welche Bedeutung sie als Wissenschaftler, Naturschützer, Züchter und Innovatoren haben. Sie spielen auf lokaler Ebene tatsächlich eine Schlüsselrolle bei der Verbesserung der genetischen Ressourcen - und das war schon immer so.

Erreichen Sie damit die Öffentlichkeit?
Ja, wir tun unser Bestes, um die traditionellen Sorten populär zu machen und ein Bewusstsein für ihre ernährungstechnischen und medizinischen Unterschiede zu schaffen. Wir organisieren Festivals zu Biodiversität allgemein und auch zu bestimmten Sorten wie etwa Reis und Hirse. Auf Saatgutmessen in Städten bringen wir Hersteller und Konsumenten zusammen. Kleinbauern verdienen Geld, indem sie Saatgut verkaufen, und die Verbraucher sind stolz, wenn sie dazu beitragen, die verschwindenden Arten in ihren Hinterhöfen oder gar auf ihren Dachgärten zu schützen.

Welche Schwierigkeiten gibt es?
In Karnataka, überhaupt überall in Indien, werden die meisten Biolandwirte Ihnen sagen, dass nicht die Produktion, sondern die Vermarktung das Schwierigste ist. Daher haben wir 2010 die Marketing-Firma Sahaja Samrudha Organic Producer Company Limited (SSOPCL) mit der Marke „Sahaja Organics“ gegründet. Der Anfang war hart, aber inzwischen läuft es. Das Konzept ist einzigartig, die Firma gehört komplett den Bioerzeugern. Sie müssen Primärerzeuger sein und sich für Umweltschutz und die Erzeugung gesunder, qualitativ hochwertiger Lebensmittel einsetzen. SSOPCL vertreibt nur zertifizierte Bioprodukte, und nur zertifizierte Biobauern dürfen Mitglied werden. Zu unserem Netzwerk gehören etwa 2800 Biobauern und 20 Bioerzeugergruppen in Karnataka und den benachbarten indischen Bundesstaaten Tamil Nadu, Kerala und Andhra Pradesh. Das Unternehmen ist inzwischen der größte Großhändler für Bioreis, Hülsenfrüchte und Hirse in Karnataka. Die Landwirte verdienen daran um bis zu 20 Prozent mehr als sonst, zugleich erhalten die Verbraucher hochwertige Produkte zu angemessenen Preisen. Seit 2013 schreiben wir schwarze Zahlen, der Jahresumsatz betrug rund eine Million Dollar. Wir wollen Qualitätsführer in der Bioindustrie sein, und Kundenzufriedenheit hat oberste Priorität. Letztlich verfolgen wir drei Ziele: Sicherung des Lebensunterhalts der Menschen auf dem Land, Vermarktung gesunder Lebensmittel und den Schutz der Umwelt.


Anitha Reddy ist Treuhänderin und Sprecherin des Verbands der Biobauern Sahaja Samrudha.
[email protected]
https://www.sahajasamrudha.org/

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