Islamismus

Extremistische Verlockung

Viele Muslime in Deutschland fühlen sich von der Bundesregierung im Stich gelassen. Das ruft radikale Gruppen auf den Plan. Sie in­strumentalisieren den Gaza-Krieg für ihre Zwecke und werben auf Social Media um junge Menschen, wie Extremismus-Experte Ahmad Mansour erklärt.
Radikale Gruppen rekrutieren weltweit: palästinensische Mitglieder der Al-Quds-Brigaden, des militärischen Flügels der Terrororganisation Islamischer Dschihad, in Beirut, Libanon. picture-alliance/ASSOCIATED PRESS/Bilal Hussein Radikale Gruppen rekrutieren weltweit: palästinensische Mitglieder der Al-Quds-Brigaden, des militärischen Flügels der Terrororganisation Islamischer Dschihad, in Beirut, Libanon.

Am 7. Oktober überfiel die Hamas Israel und tötete etwa 1200 Menschen. Auf die Attacke folgte eine Gegenoffensive Israels im Gazastreifen, mit dem Ziel, die Organisationsstrukturen der Hamas zu zerstören. Internationale Proteste gegen den massiven Militäreinsatz ließen nicht lange auf sich warten. Weltweit demonstrierten Millionen gegen den Krieg in Gaza. Das spielte der Hamas in die Karten.

„Mit einer erhöhten Social-Media-Präsenz mobilisiert die Hamas Menschen dazu, gegen den Krieg auf die Straßen zu gehen“, erklärt der israelisch-deutsche Psychologe Ahmad Mansour. So entstehe Druck auf die jeweiligen Regierungen, den Krieg zu stoppen. Mansour gründete 2017 in Berlin „Mind Prevention“, eine Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention. Zusätzlich arbeitet der arabische Israeli mit radikalisierten Jugendlichen in Gefängnissen und bietet Workshops in Schulen, Asylheimen und Willkommensklassen.

Mit ihrer Strategie erreicht die Hamas in Deutschland vor allem Muslime, von denen sich viele von der Politik im Stich gelassen fühlen. „Die deutsche Politik hat sich ganz klar auf die Seite Israels gestellt. Das ist gut und richtig, aber man darf die begründeten Sorgen der Palästinenser nicht aus dem Blick verlieren“, sagt Mansour.

Laut der Deutschen Islam Konferenz leben etwa 5,5 Millionen Muslime in Deutschland. Viele von ihnen sehen sich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit mittlerweile unter Generalverdacht. „Die Kommunikation der Bundesregierung seit dem 7. Oktober hat islamistischen Ideologen Futter gegeben“, meint Mansour. Er sieht einen starken Anstieg radikaler Bewegungen seit Kriegsbeginn. Viele Muslime hätten das Vertrauen in die Bundesregierung verloren und gerieten auf der Suche nach Verständnis nicht selten an radikale Gruppierungen.

Ideologen nutzen diesen Bruch. Sie propagieren, dass Deutschland sich nie für die muslimische Community interessiert habe und dass deren Emotionen weder gesehen noch beachtet würden. Dabei fokussieren sich radikale Gruppen vor allem auf die Ansprache von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die über Social Media schnell und überall erreichbar sind.

Emotionale Social-Media-Propaganda

Unter allen Jugendschutzverstößen auf Social Media, die das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Jugendschutz im Internet im Jahr 2022 bearbeitete, waren 13 Prozent dem politischen Extremismus zuzuordnen. Laut Mansour nahmen seit dem 7. Oktober extremistische Botschaften im Netz zu. „Menschen, die früher Katzenvideos in ihrem Feed angeschaut haben, bekommen nun Propagandavideos islamistischer Gruppierungen zum Nahostkonflikt zu sehen“, sagt er.

Das Problem liegt in erster Linie im Algorithmus. Suchen Menschen nach bestimmten Themen, so werden ihnen von Instagram, Tiktok und Co. im Folgenden vor allem diese Themen in den Feed gespült. Videos und Beiträge sind kurz und oft aus dem Kontext gerissen. Extremistische Gruppierungen setzen für ihre Propaganda auf Emotionen, das kommt gut an.

Bereits die Terrormiliz ISIS verfügte über eine ausgefeilte Medienstrategie, mit der sie tausende Kämpfer nach Syrien und in den Irak lockte. Multimedial und multilingual verbreitete die Organisation ihre Propaganda über Telegram und X, vormals Twitter. Sie entwickelte ein eigenes Magazin und produzierte Propagandafilme, die vergleichbar waren mit den Rekrutierungsvideos der US-Armee. Neben Rache und Vergeltung versprach ISIS potenziellen Anhängern die Möglichkeit, bei der Errichtung eines Kalifats mitzuwirken und so Geschichte zu schreiben. Das sprach vor allem Jugendliche an, die im Alltag Ausgrenzung und Diskriminierung erlebt hatten.

Suche nach Zugehörigkeit und Sinn

Im Jahr 2015 reisten 680 Personen von Deutschland nach Syrien aus, um sich ISIS anzuschließen, die meisten zwischen 16 und 25 Jahre alt. Zwar unterschieden sich die Ursachen für ihre Radikalisierung, doch stellte der Politikwissenschaftler Marwan Abou Taam nach einer Analyse ihrer Biografien einige Gemeinsamkeiten fest: Viele der Jugendlichen kämpften mit Identitätsproblemen und waren auf der Suche nach Zugehörigkeit und einem Sinn im Leben. Sie wollten eine Rolle in der Gesellschaft einnehmen, die ihnen bis dato in der eigenen Wahrnehmung verwehrt wurde. Die meisten waren Kinder von Einwander*innen und lebten in dritter Generation in Deutschland. Von ihrer Familie wurden sie vorwurfsvoll als „Deutsche“ bezeichnet, von der Gesellschaft als „Muslime“ problematisiert.

Die Radikalisierung erweise sich für viele junge Menschen als Bereicherung, so Mansour. „Sie haben ein neues soziales Umfeld, das ihnen das Gefühl vermittelt, besser zu sein als alle anderen. Sie gehören somit nach eigenem Empfinden einer Elite an und fühlen sich deshalb überlegen – für die meisten eine völlig neue Erfahrung.“ Jugendliche sind vor allem dann offen für Propaganda, wenn sie sich in einer labilen Situation befinden. Das können Mobbing-Erlebnisse sein, der Übergang von der Schule ins Berufsleben, der nicht reibungslos verläuft, oder der Tod eines nahestehenden Menschen.

„Sowohl Islamisten als auch Rechtsradikale schaffen eine emotionale Bindung zu den Jugendlichen“, erklärt Mansour. Sie zeigen Interesse, eröffnen neue Perspektiven, geben Orientierung, Halt und eine Aufgabe im Leben – also alles, was Menschen in Krisensituationen hilft, wieder Selbstvertrauen zu fassen. „Je komplexer die Welt, je größer die Krisen, desto größer der Wunsch nach einfachen Antworten. Und diese Antworten liefern radikale Ideologen“, sagt der Psychologe.

Mansour und sein Team suchen den Dialog mit radikalisierten Menschen und begleiten sie teils jahrelang in Einzelfallbetreuung und mit psychologischer Unterstützung. „Trotzdem gibt es nie eine Garantie, dass wir Erfolg haben“, sagt er. Aus seiner Sicht ist mehr Diskussion auf sachlicher Ebene nötig – auch zu Themen, die Angst machen können: „Demokratie ist Streit, Demokratie ist der Austausch von Argumenten und Demokratie ist es, aushalten zu müssen, wenn Menschen anderer Meinung sind. Wir müssen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammenbringen und miteinander in harte Diskussionen gehen.“

Kim Berg ist Redakteurin bei der Kommunikationsagentur Fazit und spezialisiert auf politische Kommunikation.
kim.berg@fazit.de

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